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Aktivitäten - News - Meldungen 2008

Symbolbild e-Inclusion

e-Inclusion: Das EU-Jahr der digitalen Integration

Die Europäische Kommission startet dieses Jahr die Kampagne „Die Informationsgesellschaft geht uns alle an!“ und weist damit auf das wirtschaftliche Potenzial hin, dass sich durch den Einsatz und die qualifizierte Benutzung moderner Medien (Computer und Internet) eröffnet. Wie die Kommission die selbst gesteckten Ziele erreichen möchte erzählt Dr. Wolfgang Streitenberger, Conseiller des Generaldirektors, Generaldirektion Informationsgesellschaft und Medien, Europäische Kommission, Brüssel, den ECDL News in einem Interview.

ECDL News: Sehr geehrter Herr Dr. Streitenberger, die Europäische Kommission fordert eine digitale Gesellschaft, die niemanden zurücklässt. Was versteht die Kommission unter digitaler Gesellschaft und was beinhalten die Forderungen?

Streitenberger: Die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) kann soziale Integration verstärken und neue Chancen für viele derzeit noch von der modernen Gesellschaft Ausgeschlossene schaffen. Dabei wollen wir IKT für jedermann zugänglich machen, um das Entstehen einer Kluft zwischen "digitalen Besitzenden" und "digitalen Habenichtsen" zu verhindern. Die Gründe dafür, dass in Europa 30-50% zu den "digitalen Habenichtsen" zählen und nicht von den Vorteilen der IKT profitieren sind vielfältig: der mangelnde Zugang zu Geräten, Netzen, benützerfreundlicher Technologie. Eine große Rolle spielen aber auch die Zugangskosten, mangelnde Motivation, begrenzte Nutzungskenntnisse und Generationsunterschiede. Die Kommission fordert nicht nur immer wieder die digitale Kluft zu verringern, sondern unternimmt selbst ganz konkrete Schritte dazu: So fördert sie - um nur ein paar Beispiele zu nennen - genau auf Integration abgezielte Forschung und Entwicklung im Rahmen des 7. Rahmenprogrammes Forschung und Entwicklung (2007-2013), so wie schon im sechsten Rahmenprogramm ein Strategisches Ziel "e-Inclusion" gelautet hat. Weiters wird Forschung und Entwicklung im IKT-Bereich gefördert, die "Breitband für Alle" zum Ziel hat [Anm.: Breitband steht für schnelle Internet-Zugänge]. Darüber hinaus hat das sogenannte ICT Policy Support Programme ICT PSP 2007-2013 ICT "accessibility", die älterwerdende Gesellschaft und soziale Integration zum Gegenstand.[Anm.: ICT ist die englischsprachige Bezeichnung für IKT – Informations- und Kommunikationstechnologie.) Last but not least ist in den strategischen Richtlinien der neuen EU-Strukturfonds (2007-2013) ausdrücklich das Ziel festgehalten, dass Fördergelder für "Ermutigung von Innovation....inklusive der neuen IKT" verwendet werden sollen. Strukturpolitische Unterstützungsaktionen für die Informationsgesellschaft sind ebenfalls in den neuen Strukturfonds-Richtinien enthalten.

ECDL News: Wer ist aufgefordert die Maßnahmen umsetzen und wie wird die Einhaltung kontrolliert?

Streitenberger: Alle Anspruchsträger sind aufgefordert, die vorgeschlagenen bzw. von der EU Kommission direkt gesetzten Maßnahmen umzusetzen bzw. zu unterstützen. Wir können finanzielle Hilfe für Projekte der Forschung und Entwicklung zur Verfügung stellen. Ebenso bei Maßnahmen des Strukturfonds: Die Projekte müssen in Zusammenarbeit mit den Behörden der Mitgliedstaaten entwickelt und gefördert werden, bevor sie bei uns eine zusätzliche Unterstützung erhalten. Die Umsetzung der EU-Förderprogramme und Maßnahmen werden durch Halbzeitbewertungen und andere laufende Kontrollmaßnahmen überprüft.

ECDL News: Die Kommission hat mit der Erklärung von Lissabon im Jahr 2000 den Startschuss gegeben, alle Bürger der EU fit für die Informationsgesellschaft zu machen. Es folgte die Erklärung von Riga (2006), die Programme eIntegration, i2010 und zuletzt e-Inclusion. Was verbirgt sich hinter diesen Erklärungen und Programmen? Haben diese Bemühungen schon Früchte getragen?

Dr. Wolfgang StreitenbergerStreitenberger: Informationsgesellschaft, Erklärung von Riga, eIntegration, i2010 und zuletzt e-Inclusion - fünf Begriffe, die sich nicht in ein paar Zeilen im Detail erläutern lassen. Einer der roten Fäden jedoch, die sie verbinden ist, den Einsatz von ICT in Wirtschaft und Gesellschaft voranzutreiben, einerseits um soziale Integration, öffentliche Dienste und Lebensqualität zu verbessern, anderseits um Wachstum und Beschäftigung in der Wirtschaft zu erhöhen. Wir wissen doch, dass ein Viertel des BIP Wachstums [Anm.: Maß der Wirtschaftsleistung eines Landes] und die Hälfte des Produktivitätswachstums in der EU dem Bereich IKT zu verdanken ist. Mittel dazu sind zum Beispiel die raschere und vollständigere Ausbreitung des Breitbandnetzes - unser Ziel: Bis 2010 sollen 90 % der EU Bevölkerung Zugang zum Breitband haben. Und was die bisherigen Erfolge betrifft, so können sie sich sehen lassen: Allein von 2006 auf 2007 ist die Versorgung mit Breitbandanschlüssen von 30% der EU Haushalte auf 42% gestiegen - 12 Prozentpunkte in einem einzigen Jahr! Der Internet-Zugang der Haushalte stieg von 49% auf 54% im gleichen Zeitraum. Ein gewaltiger wenn man bedenkt, dass diese Eurostat-Zahlen für alle 27 EU Mitgliedstaaten gelten, also die neuen mittel- und osteuropäischen Länder beinhalten, bei denen der Aufholbedarf gegenüber dem "Westen" noch groß ist.

ECDL News: Frans de Bruine hat im Dezember 2007 seine Initiative e-inclusion, Be part of it! vorgestellt. Darin wird das Projekt ECDL barrierefrei als positives Beispiel hervorgehoben. Warum ist gerade dieses Beispiel so vorbildlich?

Streitenberger: Die Initiative "e-Inclusion - be part of it!" hat zum Ziel, "inclusive ICT" zu fördern, also Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), die nicht selbst zur Barriere wird. Darüber hinaus soll IKT als Instrument der aktiven Integration gefördert werden – etwa dem der Herausforderung Alterungsprozess in der Gesellschaft. Wir wissen ja, dass "inclusivere" Gesellschaften produktiver sind, wir wissen aber auch, dass die Wirkung von IKT-basierten Reformen der öffentlichen Dienste nur sehr beschränkt sind, wenn viele Bürger sozusagen digitale Analphabeten bleiben und online Dienste nicht nützen können. In Vorbereitung der "e-Inclusion - be part of it" Initiative hat die EU Kommission im Oktober 2007 einen Aufruf zur Einreichung von Projekten getätigt - und mit 150 Einreichungen eine außerordentliche Resonanz erzielt. Das gemeinsam von der Universität Linz, der Österreichischen Computergesellschaft, dem Österreichischen Bundesministerium für Unterricht,Wissenschaft und Kunst sowie Microsoft Austria entwickelte Projekt wurde von der EU Kommission positiv hervorgehoben, weil es die IT skills der Blinden, Sehbehinderten, Tauben, Gehörgeschädigten sowie Bewegungs- und Verstehensbehinderten und ihre Arbeitsplatzchancen verbessern will. Die Standard-Unterrichtsmaterialien wurden an diesen speziellen Personenkreis angepasst, aber auch Alternativen zur Tastatur und der Maus wie Bildschirmeingabe oder handlos zu bedienende Mäuse entwickelt. Der Erfolg des Projekts konnte sich sehen lassen: 600 Personen wurden allein 2007 mit dem neuen System ausgebildet, und vor allem deren Arbeitsplatzchancen verbessert. Ein Schlüsselfaktor für den Erfolg des Projekts ist seine Anpassbarkeit an individuelle persönliche Situationen der Nutzer, aber auch die gute Zusammenarbeit verschiedener Anspruchsträger wie der Computer Gesellschaft, großen IT Herstellern, der Wissenschaft und öffentlichen Einrichtungen.

ECDL News: Wir danken für das Gespräch.


Das Interview führte Rupert Lemmel-Seedorf.