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Aktivitäten - News - Meldungen 2008

Die neue Arbeitswelt

Die Zahlen der Statistik Austria sind eindeutig: 98% der österreichischen Unternehmen nutzen das Internet und nur mehr 1% der Unternehmen kommen ohne einen Computer aus. Damit bestimmt die Informationstechnologie ganz wesentlich die Arbeitswelt. Begriffe wie Informations- oder Wissensgesellschaft versuchen die Veränderungen zu beschreiben. Aber was bedeuten sie wirklich und werden sie den Verhältnissen in der Arbeitswelt gerecht? Dr. Jörg Flecker, wissenschaftlicher Leiter der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA), Wien, gibt darauf Antwort.

Jörg FleckerECDL News: Warum arbeiten und leben wir heute in einer „Informations- oder Wissensgesellschaft“?

Flecker: Natur- und sozialwissenschaftliches Wissen hat in der Wirtschaft und in der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten stark an Bedeutung gewonnen. Der Begriff Wissensgesellschaft beschreibt diese höhere Wissensintensität und das Durchdringen aller Arbeits- und Lebensbereiche mit modernen Informations- und Kommunikationstechnologien wie PC, Internet, Computernetze oder Datenbanken. Das hat natürlich Folgen für die Arbeitsweisen und für Organisationsformen der Unternehmen. Bekannte Beispiele hierfür sind: Netzwerke, Auslagerung, Ortsunabhängigkeit der Produktion. Es entstehen neue wissensintensive Branchen wie Biotechnologie oder Nanotechnologie. Und es kommt zu einer Verschiebung in der Beschäftigungsstruktur: von niederer zu höherer Qualifikation. Von Arbeitern zu Angestellten.

ECDL News: Wie tief greifend sind die Veränderungen?

Flecker: Strukturwandel und Kommunikationstechnologien verändern nachhaltig die Beschäftigungsstruktur und Qualifikationsanforderungen. Durch Automation und Auslagerung der Produktion sowie das Entstehen neuer Dienstleistungsbranchen ist der Anteil wissensintensiver Arbeit oder „Wissensarbeit“ in den europäischen Ländern tatsächlich angestiegen. Aber die Veränderung wird übertrieben. Die Produktion ist nicht verschwunden, wenn auch oft über die Grenze verlagert. Tätigkeiten mit niedrigen Qualifikationsanforderungen sind nach wie vor weit verbreitet.

ECDL News: Ist der „Wissensarbeiter“ ein Idealbild?

Flecker: Ja und nein. Wenn Arbeitskräfte hoher Qualifikationen bedürfen und ihr Wissen in der Arbeit kreativ anwenden sollen, dann hat das Auswirkungen auf die Formen des Managements und die Gestaltung der Arbeit. Deshalb wurde angenommen, dass mit der Ausbreitung der „Wissensarbeit“ auch eine tief greifende Neuerung der Arbeitsorganisation und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen einhergeht. Die Vordenker sprachen vom Abbau der Hierarchien, einer teamförmigen Arbeit und mehr Selbststeuerung.

ECDL News: Sind diese Veränderungen schon eingetreten?

Flecker: Diese Veränderungen sind nur begrenzt eingetreten. Neue Ergebnisse der Europäischen Erhebung der Arbeitsbedingungen zeigen zwei unterschiedliche Entwicklungen: Einerseits gehen Projektarbeit, Autonomie in der Arbeit, Selbstorganisation etc. nicht mit niedrigen Belastungen einher. Oft ist das Gegenteil der Fall. Andererseits ist zwischen 1995 und 2005 die Komplexität der Arbeit im Durchschnitt in den EU15-Ländern sogar zurückgegangen!

ECDL News: Bewegen wir uns auf eine Zweiklassengesellschaft zu?

Flecker: In einer Klassengesellschaft leben wir schon lange. Nun drohen neue Spaltungen. Unter anderem wegen der modernen Computertechnologien und stets verfügbaren Informationen erhalten wir über die Entwicklung der Arbeitswelt widersprüchliche Signale. Oft wird das „lebensbegleitende Lernen“ als Lösung für alle Probleme präsentiert. Es stimmt zwar für viele Berufe: Wer sich nicht weiterbildet, läuft Gefahr beruflich ausgegrenzt zu werden. Aber die Unsicherheit darüber steigt, wohin man sich weiterbilden soll und ob es im Einzelfall wirklich etwas bringt. Dazu kommen körperliche und psychische Belastungen, die oft ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf erzwingen. Die neuen Spaltungen verlaufen also nicht nur entlang von Bildungs- und Wissensunterschieden.


Rupert Lemmel-Seedorf
Bild: D. Flecker