Gerade die heutige Gesellschaft definiert sich über
die angebotenen Informationen als „Informationsgesellschaft“ und durch die
Bereitstellung über das Internet auch als „e-Society“. Wer sich behaupten
möchte, muss mit dem Computer umgehen können und wissen, wo er findet, wonach
er sucht. Aber auch die nötige Distanz zum Computer samt Internet aufbringen,
um sich darin nicht zu verlieren. Ist folglich die Computeranwendung im 21.
Jahrhundert eine neue, wesentliche Kulturtechnik? Und wird das Tippen auf der
Tastatur vielleicht die Technik des Schreibens mit der Hand ablösen? Wir fragten nach bei Univ.
Prof. Dr. Erich Neuwirth, Fachdidaktisches
Zentrum für Informatik, Universität Wien.

ECDL News: Herr Prof. Neuwirth schreiben Sie noch mit der Hand?
Neuwirth: Fast nicht mehr und wenn,
dann nur ganz wenige Zeilen. Sobald es mehrere Absätze sind, nehme ich eine
Textverarbeitung. Einer der Gründe ist, dass meine Handschrift für andere nicht
leicht dechiffrierbar ist.
ECDL News: Laut einer
Integral-Studie haben 67% der österreichischen Haushalte einen Internetzugang
und 87% aller Unternehmen. Die Allgegenwart des Computers und die unendlich
scheinenden Anwendungsmöglichkeiten, vor allem auch durch das Web 2.0, das
„Mitmach-Web“, sind offensichtlich. Kann man deshalb von einer Kulturtechnik
Computeranwendung sprechen?
Neuwirth: Man muss wohl mehrere
Ebenen unterscheiden. Internetzugang heißt viele mehr Recherchemöglichkeiten
als noch vor 15 Jahren. Es gibt eine halb scherzhafte Definition von Bildung,
die lautet: Bildung ist, wenn man, wenn man etwas nicht weiß, trotzdem weiß, wo
man nachschlagen muss. Das Internet und insbesondere Suchmaschinen und die
Wikipedia haben das Angebot an Informationen da um Größenordnungen erweitert.
Schon das alleine ist eine neue Kulturtechnik. Beim Web 2.0 geht das ganze dann
noch um einen Schritt weiter. Es wird relativ leicht möglich, Inhalte gemeinsam
zu erarbeiten und zu verfeinern. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang
präziser, nicht von einer Kulturtechnik Computeranwendung zu sprechen, sondern
von einer Kulturtechnik computergestützter Umgang mit Informationsressourcen.
ECDL News: Informationen
werden in digitalen Räumen wie z.B. in der Wikipedia, anders angeordnet als in
einem gedruckten Buch. Wie stark verändert die Benutzung solcher
Informationsbestände unsere Art zu lesen?
Neuwirth: Ich glaube, dass es da
positive und negative Entwicklungen gibt.
Positiv
ist, dass es viel leichter möglich ist, schnell Informationen zu finden, wenn
man eine schnelle erste Antwort auf eine bestimmte Frage sucht. Der Umgang mit Online-Ressourcen
verführt aber auch dazu, sich mit längeren Texten weniger als früher
auseinanderzusetzen. Ich glaube, dass die meisten von uns beim Umgang mit
Wissen ungeduldiger geworden sind.
ECDL News: Ist es zulässig
zu sagen, dass die Computerbenutzung unsere bisherigen Kulturtechniken nicht
ersetzen wird, sondern erweitert?
Neuwirth: Das es sich um eine
Erweiterung und zusammen mit einer Verschiebung der Schwerpunkte handelt steht
für mich außer Frage. Ich glaube aber nicht, dass die alten Kulturtechniken
ersetzt werden. CD und Computer haben die Musikwelt drastisch verändert, aber trotzdem gibt es immer noch Konzerte, auch klassische.